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Tessa Millard

Autorenseite

Die Einsamkeit des Schreibenden

 

Zugegeben, Schriftsteller zu sein, bedeutet zwangsläufig allein zu sein. Ich bin allein, wenn ich schreibe. Ich bin allein, wenn ich lese, überarbeite, plotte. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich vielleicht irgendwann vom Schreiben leben könnte und dann jeden Tag, für immer vielleicht, allein an einem Schreibtisch sitze und irgendwelche Wörter auf irgendein Papier schreibe, kann ich mir fast nichts besseres vorstellen.

Was andere darüber denken

Wenn ich mit anderen über diese Vorstellung spreche, sehen sie mich oft mit aufgerissenen Augen an.

Ganz allein? Jeden Tag? Du bist doch wahnsinnig. Man braucht doch andere Leute um sich herum, Kollegen, Freunde, den täglichen Bürotratsch.

Nein, ich glaube nicht.

Aber was ist mit Inspiration? Woher soll die denn kommen, wenn du jeden Tag am selben Ort bist und absolut nichts um dich herum passiert?

Ja, das ist eine berechtigte Frage. Aber bloß weil ich mir vorstellen kann, als Schriftsteller von zuhause zu arbeiten, was viele andere in anderen Berufen übrigens auch tun, ohne verrückt zu werden, heißt es ja nicht, dass ich nie wieder einen Fuß vor die Tür setze. Ehrlich gesagt würde mir auch spätestens dann mein exzessiver Schokoladenkonsum auf die Füße fallen.

Um meine Inspiration mache ich mir dabei jedoch wenig Sorgen. In Zeiten des Internets ist die zum Glück relativ ortsunabhängig.

Alleinsein und Einsamkeit

Trotzdem würde ich lügen, wenn ich mir über den Aspekt meiner schriftstellerischen Einsamkeit keine Gedanken machen würde.

Ich war schon immer jemand, der allein besser arbeiten konnte. Ich kann mir meine eigenen Gedanken machen, kann mal vor mich hinträumen, wenn ich Lust dazu habe, bin unabhängig von anderen und andere von mir. Ich brauche meine einsame Insel sogar ab und an. Denn nur so kann ich zu meiner inneren Ruhe finden. Es ist meine persönliche Art von Meditation. Mir tut sie gut und sie hilft mir, die Gesellschaft mit anderen mehr zu schätzen.

Viele verwechseln die Vorstellung des allein Schreibenden mit jemandem, der tatsächlich einsam ist. Aber ich bin nicht einsam, nur weil ich gern allein bin.

Schreiben in Gesellschaft

Schreiben kann eine durchaus gesellige Tätigkeit sein. Durch Bücher, Texte, Lesungen und alles, was dazugehört, kommen die verschiedensten Leute zusammen.

Es gibt Schreibgruppen, die immer für Motivation sorgen und den Austausch mit «Kollegen» fördern. Und dann gibt es ja auch noch die Leser, die das Geschriebene erst lebendig werden lassen.

Ich persönlich freue mich über jede Nachricht, egal ob darin gelobt oder kritisiert wird. Nette Worte sind immer schön, aber Hinweise, Anmerkungen und Kritik bringen mich voran. Das Alleinsein ist zwar wichtig, aber der Austausch ist wichtiger.

Wahre Einsamkeit

Schade ist es allerdings, wenn ich falsch verstanden werde, wenn mein Geschriebenes für irgendjemanden überhaupt keinen Sinn ergibt.

Ich schreibe meine Geschichten nicht, damit jeder sie toll findet. Die Geschmäcker sind verschieden. Aber wenn sich ein Leser keinen Reim darauf machen kann, was ich eigentlich sagen will, dann finde ich das traurig und dann gibt es tatsächlich Momente, in denen ich mich ehrlich einsam fühle. Unverstanden.

Wenn mir klar wird, dass ich meine Gedanken nicht auf die Weise ausdrücken konnte, wie sie mich bewegt haben. Dann ist die Kunst manchmal nicht, ein Kunstwerk zu vollbringen, sondern zu ertragen, dass der eigene Kopf anders funktioniert, als der von anderen. Das ist deprimierend und ein Hindernis beim Schreiben. Allerdings nur bis der nächste Text ein besserer ist.

Wertschätzung

Es ist egal, was wir lesen, hören oder ansehen. Egal, wie gut wir es finden oder ob wir uns damit identifizieren können. Wir sollten nie vergessen, dass sich irgendjemand sehr viele Gedanken um dieses Stück Kunst gemacht hat, dass irgendjemand ein Stück seines Herzens in dieses Projekt gesteckt hat. Davor sollten wir größten Respekt haben und nicht vor der Tatsache, dass sich jemand stundenlang allein in ein Zimmer setzen kann.

Schriftsteller zu sein, bedeutet mehr als Einsamkeit. Es bedeutet den Mut zu finden, einen Teil von sich selbst zu offenbaren.

Ein Kommentar

Claudia Sikora 1. September 2018 Antworten

Deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Mir geht es ähnlich. Danke für den Text. viele Grüße Claudia S.

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